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Predigt am Sonntag Invokavit zu Johannes 13,21-30

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen. 

Liebe Gemeinde,

wussten Sie, dass die deutsche Gesetzgebung es verbietet, ein Kind „Judas“ zu nennen? Mir war das neu – allerdings auch unmittelbar eingängig. 

Denn wenn ich den Namen Judas höre, klingt er in meinen Ohren wie ein Schimpfwort. Mit „Judassen“ bezeichnen wir noch heute Verräter. 

Unsere Sprache hat das Schwarz-weiß-Bild, das gerade das Johannesevangelium zeichnet, übernommen. Judas ist der Böse, er wird verteufelt. Im Johannesevangelium lesen wir das explizit. Nach Jesu Ankündigung, dass einer von seinen Jüngern ihn verraten werde, fragen sie, wer es sei. Jesus antwortet: 

Der ist’s, dem ich den Bissen eintauche und gebe. 

Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 

Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. 

Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 

Der Satan selbst ergreift Besitz von Judas. Ich höre daraus, dass das Geschehen eine kosmische Bedeutung bekommt. Nicht ein einzelner Mensch, sondern der Satan selbst – das Böse in der Welt – wirkt den Verrat. Mir erscheint diese Erzählung, die es so nur bei Johannes gibt, für Judas eher entlastend. Wirkungsgeschichtlich war aber das Gegenteil der Fall. Gerade die johanneische Erzählung, die den Gegensatz von Teufel und Heilsbringer herausarbeitet, hat dazu geführt, dass Judas und mit ihm ein ganzes Volk verteufelt wurde. In der Geschichte der Kirche wurden Juden mit Judas gleichgesetzt und als Christusverräter und Gottesmörder gebrandmarkt. In mittelalterlichen Passionsspielen hatte Judas eine tragende Rolle. Das Volk sah die Passionsspiele ergriffen an. Im Anschluss daran waren Übergriffe auf Juden an der Tagesordnung. Man wollte die Judasse abstrafen. Zuviel Gewissheit über die Schuld des Judas und damit „der Juden“ führte zu mit bestem Gewissen verübten Untaten. 

Schon dieser schlimmen Wirkungsgeschichte wegen ist es m.E. notwendig, dass wir den Text kritisch betrachten. 

Walter Jens, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, hat eben das getan. 1975 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Der Fall Judas“. Darin fordert er die Seligsprechung des Judas. Er klagt den Evangelisten Johannes an, Judas in grober Weise verzeichnet und als Verräter Jesu und Handlanger der Hohepriester denunziert zu haben. Diese Denunziation des Judas hatte mörderische Folgen. Judas wurde zum Prototyp des Juden, der halsstarrig und ungläubig sich schuldig machte am Tod Jesus Christi. Als Christusmörder wurden die Juden durch die Jahrhunderte verfolgt. Dem setzt Walter Jens entgegen, dass, wie alle wissen könnten, nicht die Juden Christus ermordeten, sondern die Römer. Judas – im Gegenteil – sei Teil des göttlichen Heilsplans, indem er Jesus den Weg ans Kreuz bahnte. An das Kreuz, das zum Symbol der Rettung der Welt werden sollte. Durch Johannes aber sei es den Juden nicht zur Rettung, sondern zum Verhängnis geworden. Aber, so Walter Jens: ohne Judas kein Kreuz und auch kein Heil für die Völker. Also sei er selig zu sprechen. 

 

Soweit Walter Jens‘ Antwort auf das Johannesevangelium. 

Hier schlägt das Pendel in die andere Richtung aus. 

Von der Verteufelung zur Seligsprechung. 

Doch eins bleibt hier und dort gleich:  

Die Vorstellung, dass alles genau nach göttlichem Plan abgelaufen sei. 

Das bringt uns ins Zentrum einer theologischen Frage: 

Gab es einen göttlichen Heilsplan, der genau vorherbestimmt war? Hatte Judas also keine Wahl, sondern war er nur ein Instrument? 

Das würde bedeuten, Gott hätte ein Schauspiel aufgeführt, in dem Menschen lediglich wie Marionetten mitgewirkt hätten. Ist aber nicht der freie Wille des Menschen ein zentraler Bestandteil unseres Glaubens? Hat Gott uns nicht als freie Individuen geschaffen, die für ihr Tun und Lassen verantwortlich sind? Sollte Gott die Menschen an dieser entscheidenden Stelle tatsächlich aus der Verantwortung entlassen haben? 

Könnte es denn nicht vielmehr sein, dass Gott sich auch hier in die Hände von uns Menschen begeben und unser Tun ertragen hat – bevor er Heil wirkte?

Ich denke: Menschen haben Jesus angeprangert. Menschen haben ihn vor Gericht gestellt. Menschen haben ihn verurteilt und haben ihn ans Kreuz geschlagen. Menschen haben ihn im Stich gelassen und die Flucht ergriffen. Menschen haben als Mitläufer zugesehen und einfach dagestanden, als er starb. Es war nicht einer. Es waren viele. 

Das hätte ebenso ich, dass hätten ebenso Sie sein können.

Aber warum haben Menschen das getan? 

Johannes spricht vom Teufel, der zumindest Teile davon gewirkt habe. 

Die Rede vom Teufel ist vielen heute fremd. 

Für mich ist der Teufel der Versuch, das zerstörerische Verhalten von Menschen in ein Bild zu fassen. Unsere Beziehung zu Gott, zu anderen und zu uns selbst ist durch die Sünde gestört. „Sünde“ bedeutet dabei viel mehr als ein moralisches Fehlverhalten. Sünde ist der Inbegriff aller nur denkbaren Formen von Lieblosigkeit, die das Leben zersetzen: Lüge, Hass, Trägheit, falscher Stolz, Nachlässigkeit, Gewalttätigkeit, Ignoranz, Missgunst – Sie können die Liste in Gedanken fortsetzen. Diese Formen von Lieblosigkeit haben ihren tiefsten Grund darin, dass der Mensch sich in übersteigerter Weise mit sich selbst beschäftigt. Die Theologen nennen das: Den in sich selbst verkrümmten Menschen. Dieser in sich selbst verkrümmte Mensch lebt fern von Gott. Diese Gottferne wirkt Jesu Tod. In einer Welt der Sünde musste Jesus durch die Sünde sterben. Das war unabwendbar. Und Jesus wusste das. 

Judas verstehe ich als Symbol für uns Menschen, die wir in die Sünde verstrickt sind. Für mich ist er weder zu verteufeln, noch selig zu sprechen, denn beides übersieht unsere eigenen Judas-Anteile. Gerade die vermeintliche Gewissheit über die Schuld des Judas hat zu schlimmen Taten geführt. Judas ist und bleibt einer von den Jüngern. „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“, so sagt Jesus. Könnten wir Judas nicht vielmehr als unseren Bruder annehmen?    

Bei der Gefangennahme Jesu wendet sich der johanneische Jesus an Gott und sagt: „Von denen, die du mir gabst, habe ich niemanden verlorengegeben.“ Für mich ist das ein sehr tröstlicher Satz. Denn auch wenn es in dieser Welt für Judas keine Rettung mehr gab – so das biblische Zeugnis – lässt dieser Satz über den Tod hinaus hoffen. An einem 900 Jahre alten Kapitell in Portugal sieht man eben dies dargestellt: Ein Bild zeigt den erhängten Judas. Daneben ist ein Hirte abgebildet, der den toten Judas auf seinen Schultern nach Hause trägt. 

„Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ So heißt der Wochenspruch, der über diesem Sonntag steht. Selbst die Auswirkung des Verrats hat keinen ewigen Bestand. Denn Gott hat den Tod überwunden. So hat er die Macht des Bösen gebrochen. 

Gott gibt niemanden verloren. Darauf hoffe ich. Amen. 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all‘ unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen. 

Pastorin Janina Boysen, Invokavit 2021

100 Jahre Weltkriegsende

Predigt von Pastor Johann Hinrich Claussen (Kulturbeauftragter des Rates der EKD) zum Tag des offenen Denkmals in der Christkirche 2018 

I.
Vor zwei Wochen war ich mit meiner Familie in Büdelsdorf, heute haben Sie mich eingeladen, um an einem besonderen Datum mit Ihnen über Ihre schöne Kirche nachzudenken. Vor einhundert Jahren endete der Erste Weltkrieg. Wir Deutsche müssen uns einen Ruck geben, um daran zu denken. Denn in unserer Erinnerung ist der Erste vom Zweiten Weltkrieg überlagert. In Frankreich oder Belgien aber bezeichnet man mit „la grande guerre“ den Ersten, weil er dort seine ganze Macht gezeigt hat: an der Somme, der Marne, in Verdun. Welche Spuren dieser Erste Krieg auch bei uns hinterlassen hat, kann an den Kriegerdenkmälern in unseren Städten, Dörfern, Kirchen ablesen. Deshalb nutzen wir diesen „Tag des offenen Denkmals“, um die Denkmäler in dieser Kirche wahrzunehmen zu bedenken. Nun bin ich heute zum ersten Mal in der Christkirche zu Rendsburg und schaue mich um. Unternehmen wir doch eine kurze Kirchenführung im Sitzen, schauen Sie sich mit mir um. Wir sehen eine alte, schöne Garnisonskirche mit vielen Gedenktafeln, manche fremd, andere näher, einige anrührend, andere verstörend, aber sie alle führen zu Fragen wie diesen:
- Wer weiß noch, gegen wen die Schleswig-Holsteiner zwischen 1818 und 1851 gekämpft haben?
- Wie hieß der König, für den die Söhne Rendsburgs 1870/71 starben?
- Wer kennt diese Namen: Hermann Bauer, Jürgen Clausen oder Johann Schröder? Oder deren Nachfahren?
- Weiß jemand, was das Lauenburgische Feldartillerie-Regiment Nr. 45 war, dessen Mitglieder ein Erinnerungszeichen für ihre im Ersten Weltkrieg gefallenen Kameraden angebracht haben?
- Was sollten Soldaten von hier eigentlich in China oder Afrika?
- Warum wurden die Toten aus dem Zweiten Weltkrieg nicht namentlich genannt? Waren es zu viele? Warum ist diese Tafel so schlicht?
- Was bedeuten all diese Tafeln? Stellvertretend für die anderen, zitiert eine den in diesem Zusammenhang am häufigsten gebrauchten und missbrauchten Bibelvers: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässet für seine Freunde.“ Aber was soll das heißen? Der Tod eines Soldaten als Akt der Liebe – ähnlich dem ganz und gar unmilitärischen Tod Jesu?
- Und schließlich, wie gehen Sie als Gemeinde damit um?

II.
Ich habe Ihnen etwas mitgebracht. In meiner Familie bin ich der Archivar. Nach dem Tod unserer Eltern habe ich das, was es an historischen Dokumenten gab, genommen und in zwei Kiste gepackt. In regelmäßigen Abständen öffne ich sie und hole etwas heraus. Vor vier Wochen bekam ich diese Urkunde in die Hand. Ausgestellt hat sie die Kirchengemeinde, zu der die Familie meines Vaters gehörte. Anlass war der Tod seines großen Bruders. Dort steht: „Dem Gedächtnis unseres Mitbruders und Gemeindegliedes Heinrich Claussen der sein Leben gab für Führer, Volk und Vaterland – Februar 1943 – Die Kirchengemeinde Berlin-Dahlem“. Und dazu der Bibelvers: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“
Bevor man Gedenktafeln in den Kirchen aufhängte, händigte man der Familie also eine Gedenkurkunde aus (persönlich oder postalisch, in einem Gottesdienst?). Die Gemeinde nahm Anteil, mit den sprachlichen Mitteln dieser Zeit (es war übrigens kein „Heldentod“, sondern ein Arbeitsunfall ohne Feindeinwirkung gewesen). Sie zitierte den notorischen Vers aus dem Johannesevangelium. „Für Führer, Volk und Vaterland“ – dabei war Berlin-Dahlem eine Widerstandsgemeinde, die Gemeinde von Martin Niemöller. Deshalb zögere ich, diese Urkunde vorschnell zu verurteilen. Ich sehe in ihr weniger ein NS-Bekenntnis als den Versuch, die Verbundenheit zu einer trauernden Familie auszudrücken – in den damaligen Grenzen. Dazu gehörte wie selbstverständlich der soldatische Jargon, der uns abstößt, weil wir in einer postheroischen Kultur leben. Doch, dass wir innerlich so demilitarisiert sind, ist eine historische Ausnahme.
Warum habe ich diese Urkunde mitgebracht? Sie zeigt mir, dass das, was hier im öffentlichen Raum einer Kirche hängt, einen persönlichen Bezug hat. Die Denkmäler sind nicht zu denken ohne die Fotos der Gefallenen in den Wohnzimmern der Familien oder solche Urkunden in privaten Schubladen. Doch die Zeit vergeht. In den meisten Familien sind die Bilder der Gefallenen längst abgehängt. Ich weiß zwar, dass der Tod seines großen Bruders  das Leben meines Vaters geprägt hat. Aber ich selbst trauere nicht. Meine Kinder haben vielleicht noch eine Ahnung von ihrem Großonkel Heinrich. Aber ob sie einmal, nach meinem Tod, diese Urkunde aufheben werden? So schwindet das Gedenken in den Familien. Nur in der Kirche ist es immer noch da. Ist das richtig? Sind diese Tafeln Ausdruck eines echten Gefühls, trösten sie noch irgendjemanden? Wäre es nicht an der Zeit, die Wände frei zu machen für aktuellere, drängendere Anliegen? Aber der Denkmalschutz verpflichtet uns, diese Tafeln zu bewahren. So schnell werden wir sie nicht los, deshalb müssen wir sie verstehen und beurteilen lernen. Hoffentlich bleibt das keine historische Aufgabe, sondern inspiriert uns, Friedensstifter zu werden.

III.
Sie sind nicht allein. Der Umgang mit ihren Gedenktafeln beschäftigt viele Kirchengemeinden. Vor wenigen Jahrzehnten war dies mit heftigem Streit verbunden. Nach 1968 kämpften viele Pastoren und Kirchenvorstände darum, diese Tafeln und damit die Reste eines militaristisch-nationalistischen Ungeistes aus den Kirchen zu verbannen. Das rief massive Widerstände hervor. Diese Konflikte waren notwendig, aber ich bin froh, dass wir uns diesem Thema mit mehr Ruhe, Gelassenheit, Sensibilität und Aufmerksamkeit für andere Positionen widmen können. Nicht nur die Tafeln, auch die Proteste gegen sie waren Kinder ihrer Zeit. Das hat mich ein Buch gelehrt, das ich Ihnen ebenfalls mitgebracht habe: „Opfer. Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne“ der Berliner Historikerin Svenja Goltermann, erschienen im vergangenen Jahr.
Ich war gewohnt, Gedenktafeln wie die Ihren allein  als Machtzeichen von Nationalismus und Militarismus zu deuten. Doch Svenja Goltermann zeigt, dass man in ihnen auch frühe Versuche einer Humanisierung des Kriegs sehen kann. Wie das? Bis weit ins 19. Jahrhundert blieben die gefallenen Soldaten auf dem Schlachtfeld liegen. Ihr Tod wurde nicht registriert, ihre Familien wurden nicht benachrichtigt. Noch während der Napoleonischen Kriege wurde nur der Tod von Generälen öffentlich zur Kenntnis genommen. Das änderte sich, als man Anfang des 19. Jahrhunderts die Söldnertruppe ersetzte durch das patriotische Volksheer und die allgemeine Wehrpflicht einführte. In Preußen etwa geschah dies durch die Heeresreform unter Stein und Hardenberg. Nun sollte das Volk den Krieg führen – das bedeutete aber auch, dass das Volk beteiligt werden musste. Jetzt hatte die Obrigkeit auf einem wichtigen Bedürfnis der Angehörigen Rechnung zu tragen: zu erfahren, wer von den Vätern und Söhnen wie und wo gestorben war, sowie die Gewissheit zu haben, dass jeder ein Grab erhielt und an jeden namentlich erinnert wurde, zum Beispiel durch Gedenktafeln in Kirchen. So begannen die entstehenden Nationalstaaten mit ihren Bürokratien ihre gefallenen Soldaten zu zählen. Damit verband sich eine „Demokratisierung“ des Gedenkens: Auch der einfache Soldat wurde denkmalfähig. Vergleichen Sie einmal das prächtige Epitaph hinter dieser Kanzel für den Kommandeur Generalmajor Andreas Fuchs mit den Tafeln unten. Es gehört einer älteren Zeit an, in der man nur der Obersten gedachte. Jetzt aber war jeder Soldat gedenkwürdig. Doch zunächst wurde nur an die gedacht, die von einem Feind getötet wurden. Die Mehrheit der Soldaten aber starb an Hunger, Unfällen und Epidemien. Das waren keine Helden, sondern Opfer. Und für Opfer interessierte man sich nicht, ihnen machte man eher Vorwürfe. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam es zu einer Umkehrung: Der Heldenbegriff trat zurück und der Opferbegriff erfuhr eine Aufwertung und Pluralisierung. Jetzt sollten alle gestorbenen Soldaten berücksichtigt, aber auch der Opfer aus der Zivilbevölkerung gedacht werden – mancherorts sogar der Opfer auf Seiten der Feinde. Und nach und nach auch die verfolgten Minderheiten. Wir sind damit noch an keinem Ende angekommen.
Warum erzähle ich Ihnen dieses? Weil es zeigt, wie sehr das Gedenken und der Protest gegen früheres Gedenken zeitbedingt sind, dass beides – diese Gedenktafeln und unsere Kritik an ihnen – nicht nur Gegensätze sind, sondern auch einer gemeinsamen Linie folgen (allerdings sehr versetzt). Das sollte uns Demut lehren, aber auch Hoffnung. Es sollte uns dazu anhalten, sorgfältig im Urteilen zu sein. Es sollte uns dazu anstiften, die Geschichte des Gedenkens eigenständig fortzuschreiben. Sie ist ein offener Prozess.

IV.
Zum Schluss: Sich mit Ihren Gedenktafeln zu beschäftigen, ist keine bloß rückwärtsgewandte, historische Pflichtübung. Es ist eine Gelegenheit, sich als einzelner Christ und als Kirchengemeinde grundsätzliche Frage über Leben und Tod, gut und böse, Krieg und Frieden zu stellen. Was ist der Mensch? Wozu ist er fähig? Was muss er erdulden? Wie erinnern wir uns an wen? Wen sehen wir nicht und warum? Wie weit reicht unsere Anteilnahme und unser Mitleid und wo sind ihnen Grenzen gesetzt, die uns selbst oft gar nicht einmal bewusst sind? Das sind keine akademischen Fragen, sondern sie können in konkretes Handeln münden, zum Beispiel in einen anderen, bewussteren Umgang mit diesen Gedenktafeln. Wie Sie ihn gestalten werden – das ist ein offener Prozess. Fertige Antworten oder gar Vorschriften werde ich Ihnen dazu nicht machen.
Aber zum Schluss möchte ich noch einen biblischen Hinweis geben. „Niemand hat größere Liebe als die, der sein Leben gibt für seine Freunde.“ Dieser Satz, vom Jesus des Johannesevangeliums am Ende seines Lebens gesprochen, weist uns auf zweierlei hin: eine Versuchung und eine Leitperspektive. Zum einen, die Versuchung, dass wir unser menschlich-zeitbedingtes Erinnern und Vergessen mit einer theologischen Ideologie umkleiden, etwa indem wir den Tod von Soldaten mit dem Tod Christi kurzschließen. Zum anderen die Leitperspektive, dass der christliche Glaube mit dem leidvollen Tod eines unbewaffneten Unschuldigen beginnt. Das Kreuz Jesu Christi sollte deshalb unser Denken, Fühlen und Handeln ausrichten: Nicht auf Macht und Gewalt, sondern auf die Liebe Gottes. Die Liebe Gottes gilt allen Menschen, unseren Feinden und unseren Feinden. Und sie überwindet die Grenzen zwischen Tod und Leben. Amen.